Warum ich keine spiegellose Vollformat-Kamera kaufen werde

Auch auf die Gefahr hin mich mit diesem Beitrag bei einigen Kollegen unbeliebt zu machen teile ich euch heute meine Gedanken zum Hype um spiegellose Systemkameras mit Sensoren im sogenannten Vollformat mit.

Ich muss ohnehin nicht jedem Trend nachrennen, schon gar nicht beim Thema Fotografie. Die Kaufargumente der Werbung und auch einiger Kollegen sind für mich keine. 

Als erstes stoßen mir Begriffe wie "spiegellos" und "Vollformat" auf. Zu Zeiten der analogen Fotografie hieß das Sucherkamera und Kleinbild. Das klingt natürlich genauso altbacken wie die Begriffe Ausdauerlauf und Freizeitkleidung im Vergleich zu Jogging und Casual Wear, also müssen neue, moderne Begriffe her um die Käufer anzulocken.

Natürlich will man die geneigte Käuferschaft auch noch mit den Vorzügen der modernen Technik und vor allem der Größe und dem geringeren Gewicht zum Geld ausgeben motivieren.

Dann schauen wir uns die Hauptargumente mal an:

 

1. Bildqualität: Um hier einen vernünftigen Vergleich zu haben werde ich mal die Sony A7R mit der Nikon D810 vergleichen. Da die verbauten Sensoren  gleich sind werden sich wohl keine Unterschiede in der Bildqualität ausmachen lassen. Ohnehin liefern heute die Sensoren der allermeisten Kameras mit Wechselobjektiven sehr gute Ergebnisse ab. Sichtbare Unterschiede in den Bilder kommen meist durch falsche Bedienung ,schlechte Objektive oder mangelnde Kenntnisse bei der Bearbeitung der Bilder.

 

Wozu ich eine Auflösung von 36 Millionen Pixeln brauche ist mir allerdings überhaupt nicht klar. Meine D750 hat 24 Megapixel, bei der üblichen Monitorauflösung entspricht das einer Fläche von 300 x 200 cm. Wenn ich mit der Nase bis direkt an den Monitor gehe sehe ich keine einzelnen Bildpunkte, das fängt so langsam bei 300% Vergrößerung an, also 450 x 300 cm. Und kein vernünftiger Mensch betrachtet ein über 4 Meter breites Bild aus 5 cm Entfernung.

Einzig die Datenmenge und somit der Platzbedarf der Speicherkarte, der Festplatte und dem Backup-Medium steigt. Die Verarbeitungsgeschwindigkeit der gesamten Bildbearbeitung sinkt.

 

2. 5-Achsen Bildstabilisator: Das ist kein Alleinstellungsmerkmal der A7, so etwas gibt es auch in DSLR's wie der Pentax K1. Da ich bei 99,99% meiner Aufnahmen keinen Bildstabilisator brauche kann ich nicht so recht beurteilen ob es einen Vorteil gegenüber Bildstabilisatoren, welche in den Objektiven verbaut sind, gibt. Ein Kaufargument wäre das ohnehin nicht, dann müsste ich mir zwei mal im Jahr 'ne neue Kamera wegen irgendwelcher neuen Funktionen, die ich vorher nicht vermisst habe, kaufen.

 

3. Der elektronische Sucher: Die Qualität des Vorschaubildes ist wirklich beeindruckend im Vergleich zum Live-View der gängigen DSLR's. Aber nur deshalb gebe ich keinen vierstelligen Betrag für ein neues Kameragehäuse aus, ganz abgesehen von den Objektiven die ich neu anschaffen müsste.

 

4. Die Größe: Die Sony A7R ist mit 127 x 94 x 48 mm (BxHxT) kleiner als die Nikon D810 mit 146 x 123 x 81 mm. Ohne Objektiv kann ich aber noch kein Foto machen. Und selbst Sony kann die Physik nicht überlisten, also sind zwangsläufig die Objektive größer als vergleichbare Optiken für Spiegelreflexkameras. Der Abstand zwischen Sensorebene und Lichteintrittsöffnung des Objektivs muss bei gleicher Brennweite gleich sein. Bei gleicher Lichtstärke ist der Durchmesser der Objektive dann ebenfalls gleich.

Zum Vergleich einige Objektive die ich recht häufig nutze, und somit fast immer im Fotorucksack habe:

Sony A7R

FE 50 mm/1,8

Distagon 35 mm/1,4 

Samyang 8 mm/2,8

Samyang 14 mm/2,8

Vario-Tessar 16-35 mm/4

FE 24-70 mm/2,8

 Größe

69 x 60 mm

78 x 112 mm

60 x 65 mm

87 x 122 mm

78 x 88 mm

88 x 136 mm

Gewicht

186g

630g

290g

570g

518g

886g

Nikon DSLR

Nikkor 50 mm/1,8 

Nikkor 35 mm/1,4

Samyang 8 mm/3,5*

Samyang 14 mm/2,8

Tokina 12-24 mm/4

Tokina 28-70 mm/2,8

Größe 

64 x 39 mm

83 x 90 mm

75 x 75 mm

87 x 102 mm

84 x 90 mm

91 x 74 mm

Gewicht

155g

305g

417g

570g

570g

608g


* Das Samyang 8/2,8 wäre für Nikon sicher max. genauso groß und schwer wie das Teil mit E-Mount, beides sind APS-C bzw. DX Objektive

 

Die meisten Objektive für Sony würden also mehr Platz im Rucksack einnehmen, somit ist der Vorteil der geringeren Größe des Gehäuses beim Transport der Ausrüstung wieder dahin. Beim Tragen mit dem Kameragurt steht die  Sony mit angesetztem Objektiv mindestens genauso weit vom Körper ab wie die Spiegelreflexkamera.

 

Wenn ich jetzt noch 85 mm oder noch längere Brennweiten vergleichen würde sähe es noch ungünstiger für unsere Systemkamera aus.

Für zarte Frauenhände mag sich das kleine Gehäuse ganz gut anfühlen, in meine Pranken passt das größere Gehäuse einer DSLR besser. Ich empfinde es auch als vorteilhaft die Kamera immer sicher im Griff zu haben, zumal durch das größere Gewicht der Objektive im Verhältnis zur leichten Kamera das Ganze nicht so gut ausbalanciert ist wie beim Spiegelreflex-Boliden.

 

5. Das Gewicht: Die Sony wiegt inkl. Akku und Speicherkarte 465g ,die D810 mit 980g mehr als das Doppelte. Die Objektive aus meinem obigen Beispiel für Sony wiegen insgesamt 3080g, inkl. Kamera 3545g. Die Objektive für Nikon wiegen 2625g, insgesamt 3605g. Die Ausrüstung wäre glatte 60g leichter... wenn ich nicht für die Sony auf Grund des kleinen Akkus und des konstruktionsbedingt höheren Stromverbrauchs mehrere Akkus mitnehmen müsste. Sony gibt an, dass der Akku für 340 Aufnahmen ausreichen würde. Die D810 macht mit frisch geladenem Akku 1200 Aufnahmen, also mehr als 3 mal so viele. Ich muss demzufolge noch mindestens 2 Ersatzakkus (je 57g) einpacken und das geringere Gewicht hat dann die Nikon-Ausrüstung.

Von der Gefahr, dass während einer Langzeitbelichtung der Akku schlapp macht mal abgesehen. Bei -10°C werde ich vermutlich keine Langzeitbelichtung mit 15 Minuten oder länger mit solch einer Kamera machen können.

Wenn ich mir die Kamera mit dem 50 mm Objektiv um den Hals hänge geht der Punkt für's Rückenschonen allerdings an Sony, aber eben nur wenn ich den anderen Kram zu Hause lasse. Ein leichteres Stativ würde ich nicht benutzen, auch wenn die Kamera ein halbes Kilo weniger wiegt. Alles andere, wie Fernauslöser, Filter usw. ist ohnehin vom Gewicht und der Größe identisch.

 

Die Auswahl an Objektiven ist nicht annähernd so groß wie für Nikon oder auch Canon DSLR's. Die Arbeit mit Adaptern ist für mich keine gute Lösung. Ich hätte ein zusätzliches Bauteil welches anfällig für Fehler ist und auch Gewicht hat und die Kamera länger macht, einige Funktionen werden durch den Adapter unbrauchbar oder eingeschränkt und die Dinger nehmen meist eine halbe Blende weg.

 

Als jemand der häufig in Lost Places unterwegs ist sind meine Anforderungen an die Kamera abseits der Abbildungsleistung vor allem die Robustheit, der gute Schutz geben Schläge und Stöße und der Schutz gegen Eindringen von Feuchtigkeit und Staub. Es wäre mehr als ärgerlich wenn nach 600km Autofahrt zu einem verlassenen Ort die Kamera streiken würde. Was Kameras wie die A7R an diesem Punkt können vermag ich im Moment nicht zu beurteilen. Es würde mich freuen wenn ihr eure diesbezüglichen Erfahrungen in den Kommentaren teilen würdet.

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