Im Light Painting nichts Neues?

Light Painting, wer hat's erfunden?

Ich jedenfalls nicht. Und auch keiner der heute noch lebenden Light Painter. Wie Denis Smith letztens so treffend sagte: " Wir stehen alle auf den Schultern von Riesen". Aber auf wessen Schultern stehe ich? Auf ganz vielen würde ich sagen. In vielen Fällen weiß ich nicht einmal so genau auf wessen Schultern. Wer hat den ersten Orb gedreht? Wer die erste Kreisscheibe? Wer benutzte zuerst Plexiglas als Lichtpinsel? Keine dieser Fragen könnte ich sicher beantworten.

Und wenn wir nicht nur die eigentliche Lichtmalerei betrachten und über den Anteil "normaler" Techniken in der Fotografie, die zum Gelingen unserer Light Painting Kunstwerke beitragen, nachdenken wird die Anzahl der Schultern noch viel größer. 

Bei genauer Betrachtung unserer Arbeitsweise war alles schon mal irgendwie da, niemand hat in den letzten 10 Jahren etwas wirklich bahnbrechend Neues entwickelt.

Light Painting Fotografie & Light Art Photography
green eyes - Model: Dominic Poncé, Light: Sven Gérard

Geschichte des Light Painting

Ich könnte hier jetzt sicher 10 Seiten über die Entwicklung der Kunstform Light Painting in den letzten 130 Jahren schreiben, aber das will mit Sicherheit kaum jemand lesen. Wozu auch?

Die ersten, heute noch erhaltenen bzw. bekannten Light Painting sind aus dem Jahr 1889. Étienne-Jules Marey und Georges Demeny visualisierten Bewegungen mit einer selbst entwickelten fotografischen Technik, der sogenannten Chronofotografie. Die Intention der Herren dürfte eher wissenschaftlich gewesen sein. Einen hohen künstlerischen Wert haben die damals entstandenen Bilder aber durchaus.

In den 1930er Jahren arbeiteten Man Ray und Gjon Mili mit bewegtem Licht in der Fotografie.

In den 1940er Jahren bedienten sich unter anderem Künstler wie Picasso und Matisse dieser Technik.

Der New Yorker Künstler Eric Staller arbeitete bereits in den 1970er sehr kreativ im Bereich Light Painting. Er dürfte noch immer den größten Einfluss auf die heutige Light Painting Community und deren Arbeiten haben, egal ob die heutigen Künstler ihn und seine Werke kennen oder nicht. 

Und das waren bei weitem nicht die einzigen Light Painting Künstler der "Vor-LED-Zeit". Einen sehr interessanten Artikel zur Geschichte des Light Painting hat der geschätzte Jason Page auf seiner Seite veröffentlicht.

Vor allem durch die rasante Entwicklung der LED-Technik sowie der digitalen Fotografie ist die Zahl der Light Painter heute ungleich größer. Jeder kann mit ein paar billigen LED-Taschenlampen und einer Digitalkamera für einige hundert Euro beeindruckende Light Paintings erschaffen... wenn er denn will und kreativ ist.

Inspiration für mein erstes Light Painting

Bis zum Jahr 2012 assozierte ich mit dem Begriff Light Painting Bilder in denen Leute mit der Wunderkerze I  Mutti ins Bild schreiben oder ähnliche Belanglosigkeiten.
Damals war ich in der "fotocommunity" recht aktiv. Eher zufällig sah ich Bilder von Heinz-Jörg Wurzbacher, Garry Krätz, Gus MerceratLightmechanics, Photonenfänger, JanLeonardo Wöllert und einigen anderen. 

Ich wollte auch solche Bilder machen! Also begann ich zu recherchieren ob es Tutorials gibt wie man solche Kunstwerke aus Licht erschafft. Ich fand genau gar nichts, zumindestens nichts wirklich Erhellendes. Ich fing also an selbst mit den Lampen vor der Kamera rumzufuchteln und tue dies bis heute mit Leidenschaft. 

Light Painting Fotografie & Light Art Photography

Ohne die oben genannten Herrschaften würde ich vermutlich auch heute noch ausschließlich "normale" Fotos machen. Auch wenn niemand von ihnen das Light Painting erfunden hat und sie selbst von anderen Künstlern inspiriert wurden ändert sich nichts an der Tatsache, dass sie mich überhaupt erst dazu gebracht haben Light Painter zu werden. Dafür danke ich euch Freunde! 

 

Einige Kollegen brechen sich ja einen ab ihre Inspiration beim Namen zu nennen und tun gerne so als hätten sie sich alles selbst ausgedacht. Um potentielle Kunden zu beeindrucken kann man sicher auch seine eigene Einzig- und Großartigkeit betonen. Das wird dann allerdings recht schnell lächerlich und unglaubwürdig wenn ich sehr ähnliche Bilder anderer Künstler sehe, die mehrere Jahre zuvor entstanden sind. Da heute fast jeder Zugriff auf das Internet hat, kann also auch der (potentielle) Kunde innerhalb weniger Minuten solche Sachen überprüfen.

Erschaffe ich etwas Neues?

Light Painting Fotografie & Light Art Photography

Ein Bild wie das auf der linken Seite hab ich bisher noch nicht von anderen Künstlern gesehen. Also hab ich was Neues erschaffen... oder auch nicht. Ich hab weder den Broken Orb erfunden, noch den Laser und auch nicht die Technik während der Belichtung die Brennweite zu verändern. Einzig alles in einem Bild gab es (vermutlich) vorher noch nicht. 

 

Sicher war dieses Bild technisch sehr schwer umzusetzen, vor allem weil ich alleine gearbeitet habe. Mir gefällt das Ergebnis und ich war sehr glücklich, dass mir das Bild so gelungen ist wie ich es im Kopf konstruiert hatte. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es eigentlich nichts Neues im Bild zu sehen gibt. Nichts von dem habe ich als Erster gemacht.


Mit Sicherheit bin ich der einzige Light Painter der den Broken Orb mit einer selbst modifizierten Led Lenser M7 ins Bild malt. Die geschätzten Kollegen verwenden bestimmt andere Techniken. Mir hat niemand erklärt oder gezeigt wie man einen Broken Orb malt. Die Technik habe ich selbst entwickelt. Allerdings wäre ich vermutlich nicht auf die Idee gekommen Borken Orbs zu machen wenn ich nicht vor einigen Jahren Bilder von EMD - Electrical Movements in the Dark gesehen hätte, auch wenn der Schritt von einem geschlossenen Orb zum Broken Orb kein besonders großer ist. Ob Heinz-Jörg Wurzbacher und Garry Krätz die Ersten waren die Borken Orbs gedreht haben vermag ich nicht zu beurteilen. 

Ich habe bei der Recherche für diesen Artikel versucht zu ergründen wer den ersten Orb gedreht und fotografiert hat. Mit Sicherheit kann ich das nicht sagen. Die ältesten Bilder, die ich finden konnte, sind von Trevor Williams (Tdub). Er gründete vor 10 Jahren die Gruppe "Light Junkies" bei flickr. Diese Gruppe war und ist eine der größten Inspirationsquellen für viele Light Painter.

Erschaffe ich etwas Besonderes?

Ich wurde letztens gefragt wie viele Mensche solche Bilder machen können wie ich. Diese Frage kann ich gar nicht beantworten. Vermutlich wird es niemanden geben der alle meine Bilder reproduzieren könnte wenn er es denn wollte. Die Anzahl der Kollegen, die in ähnlicher Art und Weise mit gesteuertem Licht in einer einzelnen Belichtung arbeiten ist recht überschaubar. Und keiner der geschätzten Kollegen benutzt genau die gleichen Lampen, Tools und Techniken wie ich. 

Die Frage nach dem Besonderen ist allerdings nicht so sehr von den besonderen Lampen und Tools abhängig. Das Besondere ist dann eher das besondere Ergebnis, völlig emanzipiert vom Aufwand für das Light Painting. Vor allem aber ist das besondere Erlebnis während des Light Painting wichtig. Da kann ich dann sehr schnell über kleine Fehler im Bild hinwegsehen.

Light Painting Fotografie & Light Art Photography

Ja, ich erschaffe etwas Besonderes. Ob das viele andere Menschen ebenso sehen hat für meine Arbeit allerdings keine große Bedeutung. Die besonderen Erlebnisse und Gefühle während der Arbeit sind für den geneigten Betrachter des Bildes fast immer völlig unsichtbar, für mich aber der so ziemlich wichtigste Teil meiner Arbeit.

Welche Light Painting Techniken benutze ich? Wer hat sie erfunden?

- LIGHT PAINTING Hierbei werden vorhandene Gegenstände , Personen, Räume, Teile einer Landschaft oder andere real existierende Dinge vom Light Painter angeleuchtet und somit im Bild sichtbar gemacht. Die Lichtquelle selbst ist (gewöhnlicherweise) im Bild nicht zu sehen. Diese Technik ist im Prinzip so alt wie die Fotografie selbst. Wer zuerst künstliches Licht in der Fotografie benutzt hat vermag sicher niemand zu sagen.

- LIGHT DRAWING Die Lichtquelle dient hier als Pinsel. Es werden Lichtspuren erzeugt und mithilfe einer Kamera während einer Langzeitbelichtung aufgezeichnet. Wie bereits oben erwähnt benutzten u.a. Picasso und Matisse diese Technik. Sie waren allerdings ganz sicher nicht die Ersten.

- KINETISCHE FOTOGRAFIE  Durch Bewegungen der Kamera, bzw. des Objektivs, während der Belichtung male ich Lichtspuren auf den Kamerasensor. Auch hier konnte ich nicht "das erste Bild" finden, die Technik wird schon seit vielen Jahrzehnten benutzt.

 

Mehr machen wir im Light Painting dann auch eigentlich nicht. Man könnte jetzt die Verwendung von Fraktalfiltern, Schablonen , Kaleidoskopen oder einige andere Dinge aufzählen, aber essentiell für unsere Kunstform sind eigentlich nur die 3 Techniken von oben. 

 

Es gibt also nicht den einen Light Painting Pionier der alles erfunden hat. Ich hätte nicht das geringste Problem damit den Urheber dieser oder jener Technik zu benennen. In den meisten Fällen ist dies aber überhaupt nicht möglich weil es eben unklar ist wer der Erste war.

Viele Light Painter, wie auch ich, adaptieren verschiedene mehr oder weniger alte Techniken kombinieren sie auf neue Art und Weise und fügen eigene, kleine Neuerungen hinzu. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! 

 

Eric Paré ist wohl im Moment der berühmteste Light Painter. Viele Leute eifern ihm nach und verwenden "seine" Tubes und kopieren seine Bilder. Kaum jemand macht sich Gedanken darüber ob Eric der Erste war der solche Tubes im Light Painting verwendet hat. Ich kenne Light Painting Bilder von 1978 in denen der Künstler Aby Rezny Tubes verwendet. Ich selbst verwende diese Tools seit vielen Jahren, lange bevor Eric sein erstes Light Painting gemacht hat.

Versteh mich bitte nicht falsch. Ich habe nichts gegen Eric, er ist einer der nettesten Menschen denen ich bisher in meinem Leben begegnet bin. Sein großer Einfluss ist gut für das Wachstum, der im Moment eher überschaubaren, Light Painting Community. Seine Arbeit nutzt somit allen Light Paintern. Und eigentlich ist die Situation für seine vielen Fans meiner Geschichte von oben recht ähnlich. Ich wusste es damals auch noch nicht besser. 

Nehmen wir uns selbst zu wichtig?

Light Painting Fotografie & Light Art Photography
Light Painting: Hanna Schmeling

JA!

Das wurde mir erst letztens wieder so richtig bewusst. Kurz vor den Ferien leitete ich gemeinsam mit Erik ein Projekt an seiner Schule. Die Schülerinnen und Schüler waren zwischen 13 und 16 Jahren alt. Niemand hatte nennenswerte Erfahrungen und Kenntnisse im Bereich Fotografie. Mit Light Painting hatten sie bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Berührungspunkte.

Innerhalb kürzester Zeit hatten sie verstanden wie es funktioniert. Ihre coolen Ideen setzten sie sauber innerhalb weniger Versuche um. Auch ohne unsere Unterstützung wären sie sicher nicht gescheitert.

 

Ich bin kein Meister! Ich bin nur ein vom Light Painting Bessener, zuweilen mit einigen guten Ideen ...aber die haben andere auch.

 


In diesem Sinne wünsche ich Dir allzeit gutes Licht

 

Sven

 

PS: Während meiner Arbeit an diesem Artikel hat der überaus geschätzte Dan Chick einen Artikel mit ähnlichem Ansatz auf lightpaintingblog.com veröffentlicht, ebenfalls inspiriert von Denis Smith Beitrag.
Da hätte ich mir die Arbeit auch sparen können. ;-) 

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Kommentare: 1
  • #1

    Heinz-Jörg Wurzbacher (Freitag, 27 Juli 2018 17:52)

    Hi Sven, Danke für die Erwähnung im Text...
    Den "Broken Orb" haben wir nicht erfunden, einen oben offenen Orb zeigte ein englischer Lightpainter (muss mal den Namen wieder raussuchen) auf Flickr vor ca. 5 Jahren. Er drehte seine Orb mit zusammengebundener LED-Kette. Er schrieb damals, dass er hunderte Versuche machte, bis ihm ein "Broken Orb" gelungen sei, der wirklich oben offen war. Da er die Lichterkette wegen der Fliehkraft (beim Ball of Light-Tool vom Denis Smith ist es ähnlich...) schnell drehen und dazu noch gleichzeitig ein/ausschalten musste, hatte er dementsprechend viele Fehlversuche.
    Ich hatte ein paar Ideen, wie man das mit reduzierter Geschwindigkeit leichter und vor allem auch exakter hinbekommen könnte und fing an zu experimentieren. Das endete dann in einer Art "Voice Control"-Lösung - ich drehe einen Stick mit dem Licht und kommandiere "Ein" bzw. "Aus" - und die Elektronik gehorcht... hat lange gedauert, bis es reibungslos funktioniert hat, aber ich kann den Broken Orb auch ganz langsam drehen und muss nicht die Fliehkraft zuhilfe nehmen. Dazu kommt, dass das Ganze mittlerweile nicht nur modular (und damit variabel) aufgebaut ist, sondern dank Unterstützung von befreundeten Physiotherapeuten auch ergonomisch und somit sehr einfach zu drehen ist.