Digital Art, Fotografie, Light Painting

Fotografie oder Digital Art?

In der heutigen Zeit wird der Begriff Fotografie immer mehr verwässert, verändert, er verliert seine eigentliche Bedeutung. Viele Leute denken weil sie gut in der Computer-Bearbeitung ihrer Bilder sind wären sie gute Fotografen. Und wenn sie dann noch zehntausende Follower bei Instagram haben fühlen sie sich erst recht in ihrer Annahme bestätigt. 

 

Ein guter Fotograf braucht für seine Arbeit keinen Computer! Er weiß was er in seinem Bild umsetzten will. Er weiß wie er seine Idee umsetzten kann. Das Einzige was er dafür braucht ist eine Kamera und Licht. 

Light Painting Fotografie & Light Art Photography

Schöne neue digitale Welt

Es ist ja sooo schön einfach. Selbst viele Profis arbeiten so. Da werden dann im Studio in einer Stunde 500 Fotos geknipst und dann am Rechner die zwei aussortiert die zufällig besser geworden sind als die anderen 498. Bei so einer immens hohen Zahl an Bildern wird schon was halbwegs Vernünftiges dabei sein. Und wenn nicht wird noch mal 'ne halbe Stunde weiter geknipst. Und mit ein paar Tricks und Kniffen am Computer wird das schon.  Und weil ich für den Spaß nicht 180 Filme kaufen und entwickeln muss ist die Verlockung ungleich größer diesem unkreativen, lotterieartigen Blödsinn zu verfallen. 

Die beiden Bilder werden dann am Computer solange bearbeitet bis das Ergebnis den eigenen, mehr oder weniger großen, Ansprüchen genügt. Die Möglichkeiten im Post Processing sind ja heutzutage fast grenzenlos, bis hin zur kompletten Gestaltung des Bildes aus dem Nichts (CGI).

Aber "Profi" bedeutet ja erst einmal nur, dass jemand Geld mit seinem Tun verdienen will. Oftmals ist die Arbeitsweise im Bereich Fotografie weit davon entfernt tatsächlich professionell oder gar meisterhaft zu sein.

 

Als ich meine erste Kamera geschenkt bekam, das war vor über 40 Jahren, musste ich die Filme von meinem spärlichen Taschengeld kaufen und von diesem auch die Entwicklung der Selben finanzieren. Da hab ich natürlich dreimal überlegt ob ich genau jetzt den Auslöser betätige oder eben nicht. Sicher haben mich diese Erlebnisse meiner Anfangszeit als Fotograf bis heute geprägt. Ich investiere auch heute noch viel lieber viel Zeit in eine vernünftige Planung, Vorbereitung und Ausführung meiner Bilder als in stundenlange sog. Nachbearbeitung am Computer. Auch heute noch verwende ich lieber Festbrennweiten als Zoom-Objektive mit ihren teilweise fantastisch großen Brennweitenbereichen. Ich wähle den Bildausschnitt viel sorgfältiger wenn ich mich bewegen muss anstatt am Zoom-Ring des Objektivs zu drehen. Von der besseren Bildqualität rede ich erst gar nicht.  Aber auch dieses Problem meinen viele Zeitgenossen durch exzessive Bildbearbeitung im Nachgang gerade biegen zu können. Das mag in vielen Fällen auch tatsächlich funktionieren. Trotzdem stellt sich mir immer die Frage warum die Herrschaften ihre Bilder nicht einfach so aufnehmen wie sie sie haben wollen.
Auch heute noch steht mein digitaler DSLR-Bolide mit seinen dutzenden Automatikfunktionen meist auf "M" und "Raw". Das zwingt mich immer wieder zu überlegen was ich erreichen will, und vor allem wie. Jede noch so ausgefeilte Automatik ist nun einmal blöd, die Elektronik der 3000€-Kamera kann nicht in meinen Kopf und mein Herz sehen. Die doofe Maschine weiß nicht wie mein Bild aussehen soll. Das Ergebnis wird in den meisten Fällen nur austauschbares Mittelmaß.

Kreative Bildbearbeitung

Ich will die digitale Bildbearbeitung mit all ihren fantastischen Möglichkeiten gar nicht verteufeln. Das Bild rechts habe ich am Computer aus 75 Einzelaufnahmen zusammen gebastelt. Zuerst habe ich HDR-Bilder aus den 15 Belichtungsreihen aus jeweils 5 Aufnahmen (mit je einer Blende Unterschied) erstellt. Im Anschluss habe ich aus diesen HDR's das Panorama gestitcht und dieses dann in Gimp mit mehreren Ebenen recht exzessiv bearbeitet. Jedem Betrachter dieses Bildes ist sofort klar, dass es sich hierbei eben nicht um eine Fotografie handelt sondern um ein am Computer erzeugtes Bild.


Und selbst wenn moderne Kameras die oben erwähnten Arbeitsschritte übernehmen wäre das immer noch kein "richtiges" Foto. Es macht für mich keinen Unterschied ob die Software in der Kamera oder mein Linux Rechenknecht die Belichtungsreihe zu einem HDR rechnet. Es wird dort nur Software zur Bildmanipulation von einem Computer auf ein anderen Computer, verpackt in ein Kamera- oder Smartphonegehäuse, verschoben. 

 

Solange man sieht, oder der Bildgestalter dieses klar kennzeichnet, wie viel Arbeit am Computer im Ergebnis steckt habe ich nicht das geringste Problem mit stark am Computer manipulierten Digitalbildern. Ich finde es allerdings aus mehreren Gründen schwierig und unfair wenn solch ein Bild dem Betrachter als "richtiges" Foto präsentiert wird. Viele Betrachter sehen nicht, dass das Bild am Computer stark verändert wurde. Das Grundvertrauen vieler Menschen, dass ein Foto die Realität abbildet, wird erschüttert. Selbst wenn der erfahrene Fotograf weiß, dass ein Digitalfoto nur recht selten besonders viel mit der Realität zu tun hat. Im Bereich der analogen Fotografie wurde zwar auch schon immer manipuliert, allerdings sind die Möglichkeiten eher eingeschränkt und auch nur einem recht kleinen Personenkreis zugänglich. Der Aufwand und die Kosten für die Manipulation analoger Fotografien ist um ein vielfaches größer als in der Digitalfotografie.


Gerade Einsteiger werden stark frustriert weil ihre Bilder eben nicht annähernd so wie die manipulierten Meisterwerke der Profis aussehen wenn sie auf das Display ihrer Kamera schauen. Sie fangen dann meist erst einmal zu zweifeln ob ihre Ausrüstung gut genug ist und kaufen sich dauernd unnötigerweise neue Kameras und Objektive. Im nächsten Schritt denken sie, dass sie zu blöd sind und geben dann im schlimmsten Fall frustriert ihr Hobby auf. Dabei sollte man doch als anständiger Mensch eher versuchen die Einsteiger für die Fotografie  zu begeistern und sie motivieren ihre eigenen Fähigkeiten zu verbessern anstatt sie zu täuschen und sie in ihrem Glauben des eigenen Unvermögens zu lassen. Der Einsteiger hat sicher schon von Programmen wie Photoshop gehört, meist sind ihm die vielen Möglichkeiten der Manipulationen aber überhaupt nicht bewusst. Der Einsteiger geht mit der Kamera raus und versucht gute Bilder zu machen und hat keine klare Vorstellung was er später am Computer noch aus seinen Dateien "rausholen" kann. Das kommt alles erst viel später... wenn er denn so lange durchhält.

Und was hat das jetzt alles mit Light Painting zu tun?

Light Painting Fotografie & Light Art Photography

Die Generation digital macht natürlich auch im Light Painting mit. Die Idee, später am Rechner das schon irgendwie richten zu können, macht auch vor dieser besonderen Kunstform nicht halt. Für einige Leute ist Light Painting nur eine fotografische Technik, sie sehen nicht das Besondere im Light Painting. Light Painting ist so viel mehr als irgendein gutes oder eben weniger gutes Ergebnis mit möglichst wenig Aufwand zu erstellen.

 

Light Painting ist der Prozess von der ersten vagen Idee über die Suche nach geeignetem Material, dem Bau der passenden Tools bis hin zur Umsetzung. Ohne diesen gesamten Prozess würde mir, wie den meisten geschätzten Kollegen, etwas fehlen. Ich könnte auf den riesengroßen Aufwand durchaus verzichten wenn mich nur das Ergebnis interessieren würde. 


Dann würde ich Bilder wie dieses, einfach am Computer aus mehreren Ebenen zusammen basteln weil es um Einiges einfacher ist als mich, die beiden Orbs und den Laser genau auszurichten. Ich müsste nicht so lange im kalten Keller stehen und könnte die Zeit gemütlich am Computer mit einem Bier verbringen. 

Ich suche allerdings genau diese Herausforderung solche Bilder rein fotografisch umzusetzen. Alles was später im Bild sichtbar ist wird während einer einzelnen Langzeitbelichtung in Echtzeit auf den Kamerasensor gemalt. Das besondere Gefühl des Glücks und die Befriedigung wenn dann die verrückteste Idee auf dem Display der Kamera sichtbar wird ist einzigartig, unbeschreiblich. Allein für dieses Gefühl lohnt sich der zum Teil immense Aufwand.

 

Da zu keinem Zeitpunkt der komplette Orb in der Realität sichtbar ist weil die abstrakte Szene auf den Sensor, also die leere Light Painting Leinwand, gemalt wird, ist jedem Betrachter sofort klar, dass es sich nicht um ein "echtes" Foto handeln kann. Das Ergebnis wird normalerweise erst nach dem Ende der Performance und dem Schließen des Kameraverschlusses sichtbar, es sei denn ich arbeite mit Techniken wie Live Composite. Im Light Painting wird nie die Realität abgebildet, der Light Painter erschafft seine eigene Realität. Aus diesem Grund ist es, auch für mich als alten Hasen, extrem schwer nachträgliche Manipulationen zu erkennen. Es könnte ja schließlich alles so vom Light Painter vor der Kamera gemalt worden sein. Das RAW-Bild aus der Kamera bekomme ich meist nicht zu sehen. 

 

Ich muss also auf den Anstand und die Ehrlichkeit des Light Painting Künstlers vertrauen wenn er sein Bild mit SOOC - Straight Out Of the Camera markiert. Es gibt natürlich einige Anhaltspunkte um nachträgliche Manipulationen zu erkennen, aber meist habe ich keinen Bock ein Light Painting genau forensisch zu analysieren um einen "Betrug" aufzudecken. Die Zeit stecke ich lieber in die Umsetzung meiner eigenen Bilder.

Einige Kollegen, wie der überaus geschätzte Tim Gamble, erklären in der Bildbeschreibung meist sehr präzise wie sie das Light Painting umgesetzt haben. Anhand der Erklärung ist dann meist klar, dass der Light Painter das Bild tatsächlich so in einer einzelnen Belichtung auf den Sensor der Kamera gemalt hat. Zuweilen erlebe ich auch das Gegenteil. Weil sich ein Zeitgenosse nicht vorstellen kann, dass man sehr komplexe Light Painting Szenen erschaffen kann und in einer Belichtung aufnimmt wird dann gerne mal behauptet, dass es am Computer erstellt bzw. manipuliert wurde.

Light Painting vs. Digital Art

Light Painting Fotografie & Light Art Photography

Leider gelingt es mir nicht gelassen mit den Schultern zu zucken wenn Light Painter mir am Computer manipulierte Bilder als echtes Light Painting unterjubeln wollen. Genauso wenig wie ich gelassen bleiben kann wenn Light Painter vehement ihre für mich fragwürdige Arbeitsweise inkl. Manipulationen am Computer als meiner Arbeitsweise gleichwertig darstellen.

Ich kann Sätze wie "Es zählt doch nur das Ergebnis", "Das ist doch das Gleiche" oder "Viele Wege führen zum Ziel" nicht mehr hören. Es ist eben nicht das Gleiche!  Einige Gründe dafür habe ich weiter oben schon angeführt. So richtig "lustig" wird es dann wenn solche Light Painting Bilder bei Wettbewerben eingereicht werden, deren Teilnahmebedingungen eindeutig die Arbeit in einer einzelnen Belichtung vorschreiben. 


Spätestens wenn solch ein Bild den Hauptpreis im Wert von 3000€ gewinnt werden wohl alle, die sich an die Wettbewerbsbedingungen gehalten haben, völlig zu recht ungehalten werden. Ich bin kein Jurist, aber neben der (nachträglichen) Disqualifikation und Aberkennung des Preises kommt evtl. auch der Tatbestand des Betruges zum Tragen. Die Jury wurde schließlich arglistig getäuscht. Und ob es nun um viel Geld, teure Sachpreise oder nur um einen Wettbewerb für das Titelbild einer Facebook-Gruppe geht, am Gefühl der anderen Teilnehmer, betrogen worden zu sein, ändert das nichts.

 

Klar kann ich versteckte kleine Elektromotoren in mein Rennrad einbauen und damit bei der Tour de France mitfahren. Wenn ich erwischt werde ist meine Teilnahme an dieser und sicher auch an etlichen weiteren Rennen vorbei. Darüber hinaus wird wohl eine saftige Geldstrafe fällig werden. Und dann kann ich auch nicht erklären, dass nur das Ergebnis zählt und es die gleiche Leistung wie mit dem Rad ohne Motoren sein würde. Und um nicht in Versuchung zu kommen sollte man erst gar keine Motoren ins Fahrrad einbauen, nicht einmal im Training.  Man verlässt sich nämlich dann viel zu schnell auf die illegale und unanständige Hilfe. Ich könnte nicht mehr in den Spiegel schauen wenn ich die Leute derart täuschen würde.

 

Bisher konnte mir niemand plausibel erklären warum er seine Light Painting Bilder am Computer verändern muss. Ich rede jetzt nicht von Schärfen, Entrauschen, Anpassung des Weißabgleichs und ähnlichen Veränderungen die gewöhnlicherweise in der Kamera erledigt werden wenn man im JPEG-Format aufnimmt oder den Schnitt. Ich meine Dinge wie das Klonen oder Spiegeln von Bildteilen, die Retusche von störenden Bildteilen, insbesondere von Lichtspuren die unbeabsichtigt ins Bild gemalt wurden, das Zusammenrechnen aus mehreren Einzelbildern mittels Ebenen und ähnliche Arbeitsschritte die das eigentliche Bild erst am Rechner entstehen lassen. Das nennt man dann Composing. Ich hab nichts gegen Montagen oder Composings, auch nicht wenn ein Teil des Bildes ein Light Painting ist, jedenfalls nicht so lange der Künstler diese als solche klar kenntlich macht. Ungeachtet dessen habe ich bisher kein Composing im Light Painting gesehen das man nicht auch in einer Einzelbelichtung hätte umsetzen können. Das ist ja das Schöne am Light Painting, man kann mit Licht eine komplette Szene aus dem Nichts erschaffen. 

Dieses Light Painting entstand im dunklen Keller. Vom Raum ist im Bild nichts sichtbar. Das Bild hätte ich also an jedem anderen Ort aufnehmen können wenn dieser nur dunkel genug wäre. 

Der Aufwand für dieses Bild war recht groß. Zuerst habe ich eine Glühbirne gesucht; im Jahr 2018 nicht mehr ganz so einfach. Dann habe ich das Innenleben aus dieser entfernt. Die Öffnung die dadurch an der Unterseite entstanden war habe ich mit schwarzer Knete verschlossen. In die Knete steckte ich einen Schweißdraht und fixierte damit die Glühbirne für das Light Painting. Dann begann ich mit Testaufnahmen zur Ausleuchtung der Birne. Nach über 20 Testaufnahmen hatte ich die Position der Lampe ermittelt bei der möglichst wenig Reflexionen  auf der Glasoberfläche sichtbar waren. So richtig zufrieden bin ich allerdings nicht mit dem Ergebnis, meine Idee war gar keine Reflexionen auf der Glühbirne zu haben. Das wird mir bestimmt auch mit anderen Lampen und Diffusoren beim nächsten Mal gelingen.

Für die restlichen Teile des Light Paintings verzichtete ich auf Testaufnahmen. Also konnte es los gehen:
- Schritt 1: Kamera mit dem Meyer Optik Görlitz 2/35 mit eingestellter Blende 11 auf dem ersten Stativ befestigt und fokussiert, Belichtung gestartet, Glühbirne ausgeleuchtet

- Schritt 2: Blende des Objektivs auf 2,8 gestellt, Fokus auf ∞ gestellt, mit einem Bündel schwarzer Glasfasern das Bokeh ins Bild gemalt

- Schritt 3: Wechsel des Objektivs auf das Sigma 14/2,8 mit Blende 11, Wechsel der Kamera auf das zweite Stativ mit dem montierten Rotation Tool, zwei Blades aus Plexiglas mit dem Akkuschrauber gedreht, nach jeder Umdrehung die Kamera 60° um die optische Achse gedreht. 

Beim ersten Versuch gefiel mir das Bokeh nicht also wiederholte ich die Aufnahme. Du siehst hier den zweiten Versuch.

Light Painting Fotografie & Light Art Photography

Die meisten Menschen halten mich wegen des immensen Aufwandes für solche Light Painting Bilder für komplett verrückt. Der Aufwand für die Umsetzung solch eines Bildes ist ja nur ein recht kleiner Teil der Arbeit. Die Entwicklung der Choreografie, basierend auf der verrückten Idee, nimmt meist viel mehr Zeit in Anspruch als die Ausführung. Das Ergebnis wird dann ganz schnell zweitrangig. Der für mich wichtige Punkt ist der gesamte Prozess um solch ein Bild zu erschaffen.

 

Wenn es eine Möglichkeit gäbe dieses Bild genauso am Computer zu generieren oder mit Ebenenarbeit in der Bildbearbeitung den Aufwand für das Light Painting erheblich zu minimieren würde ich diese Techniken nicht nutzen. Ich bin Light Painter und kein Digital Artist. Ich arbeite mit choreografiertem Licht vor der Kamera und schubse keine Einsen und Nullen am Computer hin und her. Ich bin "Physiker" und kein Mathematiker. Ich will nicht mit möglichst geringen Aufwand das perfekte Bild. Ich will mit den Lampen vor der Kamera arbeiten weil es Spaß macht. Ich will der Magier ohne gezinkte Karten sein.

 

Ich wünsche Dir allzeit gutes Licht
Sven

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