Bokeh als Light Painting Stilmittel

Light Painting mit Blasen und Quallen

Was ist Bokeh?

Der Begriff stammt vom japanischen Wort "boke" ab und bedeutet so viel wie verschwommen oder unscharf. In der Fotografie beschreibt Bokeh die Qualität der Unschärfe eines Objektivs. Die Qualität des Bokehs ist kaum messbar und beschreibt nur die Form der Unschärfebereiche und nicht die Stärke des Effekts. Ob ein Bokeh als schön wahrgenommen wird oder nicht ist stark vom eigenen ästhetischen Empfinden abhängig. Unser Auge sieht solche Unschärfen nicht oder anders. Sie entstehen ausschließlich im Objektiv.

Die "Quallen" im Beispielbild sind ein gutes Beispiel. Vor der Kamera waren nur kleine Lichtpunkte, die Quallen hat das Objektiv "gemalt". Dieses Quallen-Bokeh ist mit keinem handelsüblichen Objektiv möglich, das geht nur wenn man das Objektiv modifiziert. Dazu später mehr.

Light Painting Fotografie & Light Art Photography

Wie entsteht das Bokeh?

In der Fotografie werden aus gestalterischen Gründen gerne bewusst bestimmte Bereiche unscharf dargestellt, beispielsweise der Hintergrund eines Porträts oder auch der Vordergrund in der Landschaftsfotografie. Oftmals wird gerade in der Porträtfotografie versucht den Schärfebereich möglichst gering zu halten. Die Schärfentiefe ist abhängig von der Brennweite und der gewählten Blende. Umso länger die Brennweite und umso größer die Blende desto kleiner ist der scharf abgebildete Bereich in der Tiefe von der Kamera aus gesehen. Bei 14mm Brennweite, f11 und richtigem Fokus wird es keine sichtbaren Unschärfebereiche geben. Mit derart kurzen Brennweiten lässt sich meist kaum Bokeh darstellen.

 

Im Light Painting kann ich ganz anders an die Sache gehen. Beim Bild oben habe ich mit dem umgebauten Helios ganz bewusst den Fokus "falsch" eingestellt um nur das Bokeh aufzunehmen. Für die anderen Bildteile (Schädel und Orb im Mund des Schädels) habe ich die Einstellungen des Objektivs verändert bzw. das Objektiv während der Belichtung gewechselt. Somit kann ich im Lightpainting das Bokeh genau so aufnehmen wie ich will. In dem Moment, in dem ich das Bokeh aufnehme muss kein Bereich des Bildes scharf abgebildet werden. 

Was hat Einfluss auf das Aussehen des Bokehs?

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In unscharfen Bereichen nimmt jeder Lichtpunkt die Form der Blende bzw. der Eintrittspupille des Objektivs an. Was allerdings alles genau Einfluss auf das Aussehen des Bokehs hat konnte bisher noch nicht komplett ergründet werden. Mittlerweile gibt es zwar einige Objektive die speziell für ein schönes Bokeh konstruiert werden, bei den allermeisten Objektiven ist ein schönes Bokeh aber eher ein angenehmer Nebeneffekt als das Hauptziel bei der Rechnung der Objektivkonstruktion.  Pauschal kann man auch nicht sagen, dass die Linsen vom Hersteller A allgemein ein schöneres Bokeh zeichnen als die Linsen von Hersteller B. Grundsätzlich lässt sich allerdings feststellen, dass Zoom-Objektive meist kein schönes Bokeh darstellen und das Objektive von Nikon und Canon meist auch nicht die Könige des Bokehs sind.


Allgemein wird ein weiches, rundes Bokeh als angenehmer wahrgenommen als ein hartes weil es mehr Ruhe ins Bild bringt und somit nicht so sehr vom eigentlichen Motiv ablenkt. Die Anzahl, die Form und die Fertigungsqualität der Blendenlamellen hat den größten Einfluss auf das Aussehen des Bokehs. Bei 4 Blendenlamellen ist das Bokeh zwangsläufig quadratisch, umso mehr Blendenlamellen verbaut sind desto wahrscheinlicher wird das Bokeh kreisrund. Die Form der Blendenlamellen hat darüber hinaus Einfluss auf die Qualität des Bokehs. Eine saubere, ohne jeglichen Grat mit dem Laser geschnittene Lamelle wird ein härteres Bokeh darstellen als das Objektiv von 1960 mit den handgefertigten Lamellen. An den "rauhen" Kanten wird das Licht stärker gebrochen, der Unschärfe-Effekt also noch verstärkt. Eine sichere Vorhersage ob ein bestimmtes Objektivs ein angenehmes Bokeh darstellen kann lässt sich allein mit dem Wissen um Anzahl der Blendenlamen und Herstellungsjahr allerdings nicht treffen. Da hilft nur etwas Recherche im Internet. Hier zum Beispiel findest Du einige Aufnahmen des Meopta Belar 75mm, eines der weinigen Objektive mit nur 4 Blendenlamellen:  https://www.sample-image.com/meopta-belar-75mm-f4-5/ 

 

Das Aussehen des Bokehs verändert sich bei vielen Objektiven abhängig davon ob der Vordergrund oder der Hintergrund unscharf abgebildet wird. Das Aussehen des Bokehs lässt sich durch Verstellen der Blende und/oder der Fokussierung beeinflussen. Im Beispielbild habe ich während der Belichtung sowohl Blende als auch den Fokus verändert. Aus diesem Grund sind die "Quallen" unterschiedlich groß und haben verschiedene Formen. Der Effekt ist bei diesem Objektiv am Bildrand stärker als in der Bildmitte. 

 

Bei einigen Objektiven entstehen durch die Lichtbrechung an den Lamellen in Verbindung mir einer schlechten Vergütung der Linsen zusätzlich lustige Farben im Bokeh, die eigentlich gar nicht da sind.

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Welches Objektiv zaubert das schönste Bokeh ins Light Painting?

Bitte auf die Bilder klicken. Alle Bilder wurden mit der gleichen Lichtquelle, einem Bündel schwarzer Glasfasern, aufgenommen. Es wurde die größte Blende eingestellt und auf Unendlich fokussiert. Der Abstand zwischen Kamera und Glasfasern war ungefähr gleich. Aus diesem Grund ist das Bokeh der Teleobjektive eigentlich so nicht zu beurteilen. Alle Aufnahmen wurden mit der gleichen Belichtungszeit angefertigt.

Das für meinen Geschmack hässlichste Bokeh hat mit Abstand das Nikkor 35/1,8 (Bild 8). Die Zoom-Linsen (Bild 1 und 3) sowie das Nikkor 50/1,8 (Bild 6) fabrizieren ebenfalls kein schönes Bokeh. Vom Sigma 14/2,8 (Bild 2) war ich recht überrascht. Das hatte ich mir schlimmer vorgestellt. Das hatte ich vorher noch nie getestet. 

Ein wirklich schönes Bokeh malen die Meyer Optik Linsen (Bild 7, 9 und 11) auf den Sensor. Bild 10 wurde mit dem modifizierten Helios 44-2 aufgenommen. Mehr Bokeh geht nicht. Diese besondere Tiefenwirkung allein durch das Bokeh habe ich bisher bei keinem anderen Objektiv gesehen. 

 

Dieser Artikel kann kein ausführlicher Test sein. Die Anzahl der Objektive ist unüberschaubar, niemand könnte sie alle testen. Wie in den Bildern oben gut zu sehen ist sind die Unterschiede schon recht deutlich.

Das schöne Bokeh macht die alte Festbrennweite und nicht das neue Highttech-Zoom. Auch wenn einige Objektive, wie die Meyer Optik Görlitz Figmentum, nicht alt sind, so ist doch die Rechnung alt. Der Hersteller versucht mit der Fertigung sehr nah am alten Original zu bleiben. 

Bokeh 2.0 - Frontlinse des Helios 44-2 umdrehen

Helios 44-2

Das Helios macht schon so wie es ist ein durchaus ansehnliches Bokeh, ähnlich dem der Meyer Optik Linsen. Der Effekt lässt sich durch Drehen der Frontlinse noch deutlich verstärken. Darüber hinaus ändert sich dadurch die Form des Bokehs. Aus den runden Blasen werden, gerade in den äußeren Bereichen Quallen.

 

Der Umbau ist denkbar einfach. Die Frontlinse wird von einem Gewindering gehalten. In diesem sind zwei kleine Kerben. Mit einem geeigneten Werkzeug, z.B, ein Zirkel mit zwei Metalspitzen, dreht man diesen Ring raus, dreht die Linse um und dreht dann den Gewindering wieder ins Objektiv. 

 

Bei den allermeisten Objektiven würde solch ein Umbau nicht so einfach funktionieren und, vor allem, nicht diesen Effekt bringen. Bei einigen anderen alten russischen Objektiven kann man auf die gleiche einfache Weise die Frontlinse drehen und eine Verstärkung des Bokehs erreichen. Lohnenswert ist das beim Jupiter 9 sowie Mir 1b. Das Jupiter 9 ist allerdings im Moment nicht für einen vernünftigen Preis zu bekommen, unter 150€ ist kein gut erhaltenes Exemplar zu ersteigern. 


Beim Mir 1b sieht es nicht viel besser aus. Über ebay kann man zwar in Russland ein Exemplar für 60 bis 70 € kaufen, allerdings kommt dann neben ca. 15€ für den Versand noch der Besuch beim Zollamt des Vertrauens inkl. der Zahlung von 19% Einfuhrumsatzsteuer auf einen zu. In weit das Drehen anderer Linsen aus der UdSSR etwas bringt vermag ich im Moment nicht zu sagen. Einen Versuch wäre es sicher wert die Front Elemente von Linsen wie Zenitar M-50, Jupiter 8, Industar 69, oder Volna 3 umzudrehen. Mit etwas Glück bekommt man solch eine Linse für einen vernünftigen Preis bei ebay.

Light Painting mit dem Altglas

In den Bildern kamen Helios 44-2, Meyer Optik Lydith und Figmentum zum Einsatz:

Auch ohne Modifikation machen fast alle anderen Meyer Optik Görlitz Objektive ein feines Bokeh. Gute Kandidaten sind das Oreston 50/1,8, Trioplan 50/2,9, Primoplan 58/1,9  und natürlich das Trioplan 100/2,8 wenn man das nötige Kleingeld hat. Auch andere DDR Objektive sind durchaus sinnvoll im Light Painting einsetzbar, wie Carl Zeiss Jena Flektogon 35/2,8 und Biotar 58/2. 

Wie kommt das Altglas an die moderne DSLR?

Objektive mit sehr seltenen, heute überhaupt nicht mehr verwendeten Anschlüssen wie Praktina, Exakta, P6-Bajonett o.a. habe ich auch schon mal mit Gaffa Tape an die Kamera geklebt. Das ist nicht besonders elegant, aber zur Not funktioniert auch das.  Da in den alten Linsen keinerlei Elektronik verbaut ist lassen sich Objektive mit M42 oder M39 Anschluss mit einem einfachen Adapter für das eigene System umrüsten. Diese Adapter kosten nur einige wenige Euro. 

M42 - Nikon F - M42 - Canon L - M42 -Sony E - M42 - Sony (Minolta) - M42 - Olympus - M42 - Pentax K - M42 - Fuji X

Bei manchen Kameras, wie z.B. Nikon ist mit diesen Adaptern keine Fokussierung auf unendlich möglich. Dafür benötigt man dann einen Adapter mit Korrekturlinse. Für unseren Einsatzzweck spielt das allerdings keine Rolle weil wir ja bewusst Unschärfe aufnehmen wollen. Wenn du das Objektiv an Deiner Nikon auch für "normale" Fotografie verwenden willst ist die Investition in einen Adapter mit Korrekturlinse sicher eine Überlegung wert.

Die oben genannten Adapter sind ebenfalls für M39 Gewinde erhältlich.

Wie viel Glas braucht der Light Painter?

Haben ist ja immer besser als Brauchen. Allerdings fällt mir keine Situation ein, in der ich die Linsen aus dem Beispielbild alle gebrauchen könnte, nicht einmal der dreiwöchige Urlaub. Im Fotorucksack sind nie mehr als 5 Linsen verstaut, allerdings wechseln sie gelegentlich. Wenn ich ausschließlich Light Painting mache nehme ich andere Linsen mit als wenn ich Lost Places fotografiere. 

Die meisten Light Painting Bilder mache ich mit dem Sigma 14/2,8 (oben links). Das Tokina 19-35 (rechts daneben) habe ich auch so gut wie immer dabei. Meist verwende ich diese Linse allerdings nur wenn ich während der Belichtung am Zoom drehe. Das Meyer Optik Görlitz 35/2 (dritte Reihe, zweites von links)  befindet sich genauso immer im Rucksack wie das Helios (ganz unten).  


Für fast alle Light Painting Ausflüge ist das absolut ausreichend. Für spezielle Aufgaben verwende ich gelegentlich das 100er Makro Objektiv (nicht im Bild weil an der fotografierenden Kamera). Das 85er Meyer Optik benutze ich manchmal für Light Painting Porträts. Alle anderen Linsen verwende ich fast ausschließlich für "normale" Fotografie. Das 8mm Fisheye benutze ich nur für 360° Panoramen. Und überhaupt sollte ich die Linsen mal putzen wenn ich mir das Bild so anschaue...

 

In diesem Sinne wünsche ich Dir allzeit gutes Licht und wenig Dreck auf der Linse
Sven

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